Slavoj Zizek - Mit Hegel die Krise denken; Interview 2009
In this Swiss public television interview (Sternstunde Philosophie, conducted in German), Žižek addresses the 2008 financial crisis as a 'shock doctrine' moment that suspended democratic debate and entrenched capitalism, before laying out his central intellectual programme: reading Hegel through Lacanian psychoanalysis, using cinema and popular culture to diagnose ideology in its purest form, and defending a decentred but radically free Cartesian subject. He articulates a 'Christian atheism' in which Christ's death kills even the unconscious God, leaving only the Holy Spirit as a collective with no transcendental guarantee, and closes by calling for a 'theological-political suspension of the ethical' to break the contemporary Left out of its moralistic deadlock.
The ideas in it 26
in the order they first come up; click a row for what he does with the idea here
Stories he reaches for 8
Works invoked 12
People invoked 32
Transcript 136 turns
Ein Philosoph, der einen Kinofilm dreht und ein Philosoph, der die Psychoanalyse kennt wie seine eigene Westentasche. Ein ungewöhnlicher Philosoph werden Sie jetzt vielleicht sagen und Sie haben Recht, denn es handelt sich um Slavoj Žižek. Der slowenische Philosoph und Psychoanalytiker Žižek gilt als einer der originellsten und innovativsten Denker der Gegenwart. Ein begnadeter Selbstdarsteller, der es aber durchaus in sich hat. In seinem Film The Pervert's Guide to Cinema kommentiert er zum Beispiel Kinofilme unter psychologischen und philosophischen Gesichtspunkten. Nur was hat die Philosophie auf der Kinoleinwand verloren und wie kommt diese wiederum auf die Couch? In der Sternstunde Philosophie gibt Slavoj Žižek eine Kostprobe seiner durchaus herausfordernden Denkweise und davon, wie er unsere Welt deutet in Zeiten von Globalisierung und Finanzkrise. Eingeladen hat ihn Norbert Bischofberger. Das Gespräch können Sie im Zweikanalton empfangen.
Herr Žižek, herzlich willkommen. Seit Jahren kritisieren Sie den globalen Kapitalismus. Sind Sie durch die aktuelle Finanzkrise bestätigt in Ihrem Denken?
Das würde ich nicht sagen. Natürlich ist die Irrationalität und Instabilität des Systems jetzt für jedermann offenbar geworden. Wir sollten uns erinnern, dass diese Krise im Grunde eine Krise des Vertrauens ist. Wir geben Milliarden aus, um das Vertrauen wieder aufzubauen. Doch ich denke nicht wie viele Linke denken: Oh, jetzt haben wir eine Krise, jetzt werden die Leute sehen, wie irrational der Kapitalismus ist. Vielleicht bringt uns das dazu, dass wir etwas anderes erfinden. Im Gegenteil. Ich finde, dass Krisen oft sehr gefährliche Momente sind und die Reaktion ist immer zuerst die Angst. Und die Leute geben normalerweise ihre Ideologie nicht auf, sondern klammern sich umso verzweifelter an sie. Dazu ein kleines Beispiel. Für mich war ein wirklicher historischer Augenblick dieser Krise, Sie erinnern sich, im Oktober, als die Krise ausbrach, legte
Präsident Bush dem Kongress den
ersten Bailout-Plan vor: Milliarden Dollar. Der Kongress stimmte mit zwei
Drittel Mehrheit dagegen. Und was geschah dann? Die Demokratie wurde praktisch aufgehoben. Sie haben alle in das gleiche Horn gestoßen: Bush, McCain, Obama, und dem Kongress eingehämmert: Hört mal, das muss jetzt geschehen, wir haben keine Zeit für demokratische Debatten. Es war eine Art Ausnahmezustand.
Das hat uns auch die Prioritäten klar gemacht.
Jetzt wissen wir, wo wir leben. Wenn wir über Aids reden, über Ökologie, über Armutsbekämpfung, haben wir unendlich Zeit für Debatten und finden keine Lösung. Hier war die Dringlichkeit absolut. Es gibt Dinge, die man aus Krisen lernen kann, aber leider wird letztendlich das Resultat dieser Krise ein weiteres Beispiel dafür sein, was Naomi Klein in ihrem neuesten Buch The Shock Doctrine nennt. Die Krise wird als Schockstrategie eingesetzt, um die kapitalistischen Spielregeln noch radikaler zu etablieren. Sie sagen eine Vertrauenskrise, es ist aber eine Krise eines Lebensstils. Ja, aber hier müssen wir sehr genau sein. Was ist denn wirklich unser Lebensstil? Wir sollten nie vergessen, dass wir nicht mehr im klassischen Konsumkapitalismus leben. Wir leben in einem weitaus kritischeren Kapitalismus. Was typisch für heute ist, das habe ich bei meiner Ankunft in Zürich wieder gesehen. Katastrophen sind leider einfach nicht zu vermeiden. Auch bei Ihnen gibt es Starbucks
Kaffee. Starbucks ist die Art, wie wir heute konsumieren. Sie kaufen nicht einfach Kaffee. Ihnen wird ständig eingehämmert, in der Werbung, im Laden, wörtlich sagen sie in einer Anzeige: Wenn Sie Starbucks Kaffee kaufen, kaufen Sie eine ganze Ethik des Lebens. Sie kaufen sich in einen gemeinschaftlichen Raum ein, wo Sie sich mit anderen treffen. Sie leisten, weiß ich welchen armen lateinamerikanischen Kindern medizinische Hilfe. Das ist die ultimative spätkapitalistische Manipulation, dass Wohltätigkeit und Humanität Teil des Konsums werden, anstatt Teil unseres Lebens. Ich will aber nicht nur über die bösen Kapitalisten klagen. Gilt das nicht auch für
biologische Nahrungsmittel? Hören Sie, ich will Ihnen in aller Freundschaft eine brutale Frage stellen. Wenn Sie blöd genug sind, grüne, das heißt biologische Äpfel zu kaufen, glauben Sie wirklich, dass die so viel weniger Giftstoffe haben? Nein, Sie kaufen die vor allem, um sich gut zu fühlen. Mein Gott, hör mal, wenn ich Bio-Äpfel kaufe, tue ich etwas für meine Erde. Sehen Sie, so funktioniert der Kapitalismus und dieser spätkapitalistische Lebensstil wird durch die Krise noch reasserted.
Soweit eine erste Analyse, ich bin dann gespannt auf die Lösungen, die Sie vorschlagen. Sie sind Philosoph und Psychoanalytiker. Sie forschen und lehren an der Universität in Ljubljana in Slowenien, haben Gastprofessuren weltweit wahrgenommen. Wie kommt es jetzt, dass Sie in Ihrem Werk Philosophie, Psychoanalyse, Kinoerlebnisse, Populärkultur verbinden? Wie kommt denn die Philosophie auf die Kinoleinwand?
Von allem Anfang an war ich besessen von ein und demselben theoretischen Problem: Wie kann man Hegels Philosophie aktualisieren? Und für mich, ich sage das ganz klar, ist die Psychoanalyse, in der ich mich auf Jacques Lacans Interpretation beziehe, nur ein Werkzeug, um Hegel oder allgemeiner gesagt den deutschen Idealismus zu verstehen. Dies wird als komplizierte und obskure Denkweise angesehen. Darum liebe ich Kino und Populärkultur, um die Dinge klar zu machen. Ich hasse jeden Jargon. Ich bin besessen davon, die Dinge klar zu machen. Nicht einfach fürs Publikum. Ich will nicht andere bevormunden. Ich will die Dinge für mich selbst klären. Wenn ich es etwa mit einer komplexen dialektischen Gedankenkette bei Hegel zu tun habe, kann ich es mit einem guten Witz oder mit einer guten Filmszene erklären. Das Kino bietet noch einen anderen Vorteil. Meine These ist, dass das Kino die Domäne ist, in der wir Ideologie am reinsten ablesen können, sozusagen in ihrem klinischen Stadium. Wenn Sie herausfinden wollen, was ideologisch Sache ist, dann vergessen Sie das reale Leben und schauen Sie sich Filme an. Um Ihnen nur ein kleines überzeugendes Beispiel zu geben: Der jüngste Hollywood-Mega-Hit Batman The Dark Knight. Was ist letztlich die Lektion diesem Films? Als der Staatsanwalt feststellt, dass der positiv besetzte Held ein Mörder ist, nimmt Batman das Verbrechen auf sich und sie belügen die Öffentlichkeit. Sie lügen in Bezug auf die kriminelle Seite der Macht. Die Botschaft des Films ist: Um Volkes Glauben an die Macht aufrecht zu erhalten, brauchen wir eine Lüge. Das ist das Bush-Ära-Prinzip. Und so gibt es noch vieles andere. Das ist dieser tiefpsychologische Aspekt davon. Haben Sie bemerkt, wie all die Superhelden der letzten Jahre, Batman, Spiderman, nicht mehr perfekte, glatte Helden sind? Sie haben Träume, Traumen, Probleme. Das ist Ideologie in Reinkultur. Und so sollten wir auch den interessanten Bestseller von Jonathan Littell lesen, Die Wohlgesinnten. Sie wissen, dieses tausendseitige Buch mit natürlich erfundenen Memoiren eines Holocaust-Überlebenden. Das finde ich ein sehr wichtiges Buch. Die Lehre daraus ist: Jeder ist menschlich. Sie können doch nicht sagen: Du tust schreckliche Dinge, aber trotzdem bist du menschlich. Das macht es nur noch schrecklicher, zu jemandes Taten sein reiches menschliches Innenleben zu beschwören. Das mystifiziert die Sache nur. Jeder Verbrecher kann sagen: Aber ich liebe doch meinen Hund und meine Kinder. Und wir wissen, Reinhard Heydrich, den Holocaust-Planer, er war sehr menschlich. Fast jeden Abend spielte er mit seinen Freunden Beethovens Streichquartette. Sehen Sie, das ist ein weiterer Aspekt der heutigen Ideologie. Indem wir die echte Person dahinter evozieren mit ihren Ängsten und so weiter, mystifizieren wir, was real geschah. Darum
habe ich ein Problem mit der Ideologie von der multikulturellen Toleranz.
Da gibt es offenbar eine tiefsitzende Vorstellung, Verzeihung nur ganz kurz: Ein Feind kann nur jemand sein, dessen Geschichte ich nicht bereit war zu hören. Sie zum Beispiel sind mein Feind, weil ich Sie objektivierte. Höre ich Ihnen zu, so erfahre ich von Ihren Ängsten und so weiter. Das ist totaler Unsinn. Kann man sagen, Hitler sei unser Feind, weil wir nicht bereit waren seine Geschichte zu hören? Nein. Die Geschichten, die wir über uns selbst erzählen, sind von Grund auf Lügen. Lügen, mittels derer wir zu verwischen versuchen, was wir tun. Nehmen wir ein bekanntes Beispiel: Die bosnischen Serben und ihre ethnische Säuberung. Karadžićs Poesie war eine Geschichte, die sie sich erzählten. Sie legen ein atemberaubendes Tempo vor. Bleiben wir mal beim Kino, bleiben wir bei Hegel, also dem deutschen Philosophen des Idealismus, den Sie genannt haben. Sie haben auch einen Kinofilm gedreht, The Pervert's Guide to Cinema, Regie Sophie Fiennes. Wir wollen mal einen kurzen Ausschnitt daraus anschauen. The problem for us is not are our desires satisfied or not. The problem is how do we know what we desire. There is nothing spontaneous, nothing natural about human desires. Our desires are artificial. We have to be taught to desire. Cinema is the ultimate pervert art. It doesn't give you what you desire, it tells you how to desire. Wie wissen wir, was wir begehren? Zu welchem Schluss sind Sie denn gekommen in diesem Film, aus dem wir jetzt den Anfang gesehen haben? Grundsätzlich wissen wir nicht, was wir begehren und das macht uns zu Subjekten. Ein Subjekt konstituiert sich immer, das ist Jacques Lacans Lehre, durch eine Frage. Die Frage ist: Was begehre ich? Aber die Frage ist noch viel komplexer. Sie lautet nicht nur: Was begehre ich? Weil mein Begehren immer an das gebunden ist, was andere von mir wollen. Und was ist für Lacan die Nullszene des Begehrens? Es ist das kleine Kind, das noch nicht versteht, was andere von ihm wollen. Es ist diese perplexe Situation und wir brauchen Fantasien, um da etwas Ordnung hineinzubringen. Jacques Lacan, der französische Psychoanalytiker und Psychiater, bis hat er gelebt, er spielt eine große Rolle in Ihrem Werk. Wie ist denn dieses Konzept vom Anderen, in dem ich erst Subjekt werde, zu verstehen? Können Sie dieses Hauptkonzept von ihm erläutern? Das ist ein sehr komplexes Konzept. Um es einfach zu sagen, dieses Konzept hat mindestens drei Dimensionen. Zuerst ist es der Andere, was Lacan Imaginaria nennt, ein anderes menschliches Wesen, mit dem ich mich unmittelbar austausche. Dann ist es die symbolische Ordnung im Sinne der Gesamtheit von symbolischen Regeln, mittels derer wir uns austauschen. Eine dritte Ordnung, die vorhanden sein muss, damit wir interagieren können. Und dann kommt, was Lacan oft den echten Anderen nennt, der Andere, der Nachbar in seiner traumatischen Dimension. Der Andere, mit dem ich mich nicht identifizieren kann, der erschreckende Andere, den Freud das Ding
nennt. Und hier liegt das Problem. Das Subjekt in seiner radikalsten Form laut Lacan ist dieser radikal reale Andere, Abgrund vom Anderen. Und hier möchte ich, auch wenn Ihnen das nicht passt, nochmals einen kleinen Seitensprung in die Politik machen. Die Figur des radikal Anderen sind heute die Immigranten. Sie sind ein schöner Anhaltspunkt für den Stand der Dinge. Wo sind wir heute? In
Amerika grassiert gegenwärtig die Mode, etwas als toxic subject zu bezeichnen. Das kann alles betreffen, von Natur bis Kultur bis Politik. Toxic subject kann jemand mit der Schweinegrippe sein, das kann ein Terrorist sein, das kann ein fundamentalistischer Prediger sein, das kann ein Elternteil sein, der seine
Kinder missbraucht und so weiter. Der Punkt für mir ist, dass wir den Anderen als seine
potenzielle toxische Bedrohung erleben. Deshalb trauere ich auch nicht diesem typisch amerikanisch politisch korrekten Begriff der Belästigung nach. Wir sollen einander nicht belästigen. Belästigung ist ein Begriff, der unser Bedürfnis signalisiert, dem Anderen nicht zu erlauben uns zu nahe zu kommen. Darum verwende ich in meinen Büchern oft
dieses Motiv. Dasselbe gilt für den Konsum. Wir wollen das Produkt immer losgelöst von seiner giftigen Seite haben. Wir wollen Kaffee, aber ohne Koffein. Wir wollen Bier ohne Alkohol. Wir wollen Süßigkeiten ohne Zucker. Und was wir auf der Ebene der Intersubjektivität wirklich wollen, ist der koffeinfreie Andere. Bleiben wir mal
bei der Frage des Subjekts und hier habe ich mal Lacan hervorgezogen, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Hier hört die Symmetrie zwischen Freud und Descartes auf. Sie hört noch nicht auf bei jenem ersten Schritt einer im Subjekt begründeten Gewissheit. Die Dissymmetrie zeigt sich erst darin, dass das Subjekt auf dem Feld des Unbewussten zu Hause ist. Und da Freud dies als Gewissheit
ausspricht, vollzieht jener Schritt nach vorn, mit dem Freud die Welt verändert. Geht es hier um diese Verunsicherung, wo man sagt eben der Mensch musste erst lernen, dass er nicht Mittelpunkt der Welt ist, dann musste er lernen, ich stamme möglicherweise noch vom Affen ab und dass die dritte Verunsicherung dann die war, ich bin nicht einmal Herr im eigenen Haus? Ja, aber da muss man sehr genau sein. Diese sogenannte Dezentrierung des Subjekts, von der Freud sprach, ist nicht einfach diese naive Botschaft des: Ich denke, aber eigentlich werden meine Gedanken gelenkt und kontrolliert von einem unbewussten Mechanismus. Es geht hier nicht um Biologie. Das Problem ist, dass wir eine Dezentrierung auf der Ebene des Denkens selbst haben. Für Lacan ist das Freudsche Unbewusste nicht irgendein biologisch irrationales Unbewusstes. Es ist ein sehr rationales, diskursives
Unbewusstes. Wir wissen nicht, wo wir was denken. In diesem Sinne ist für Lacan das Subjekt des Unbewussten, und er sagt das an anderer Stelle in diesem Buch, das
kartesianische Cogito. Lacan bekräftigt in gewisser Weise das kartesianische Cogito. Doch was ist dieses kartesianische Cogito? Es ist bloß dieses
reine, leere
Ich denke also bin ich, welches gewissermaßen auch kein Denken ist, weil das einzige, was ich denke, ist dass ich bin. Es ist auch nicht das Sein, denn all mein Sein ist, dass ich denke, dass ich bin. Dieses
reine
Vakuum ist das Subjekt des Unbewussten. Und hier kommt nun die Verbindung zum deutschen
Idealismus.
Die Idee aber ist die, weit mehr als bei Descartes, finden Sie von Kant bis Hegel dieses reine leere Subjekt genannt
selbstvermittelte Negativität oder wie immer man es nennt. Die Idee
ist also, und das ist die Grundthese meines ganzen Werks: Was Freud das Subjekt des Unbewussten nennt, ist das Thema des deutschen Idealismus. Kants Thema der
transzendentalen
Wahrnehmung, dann geht es weiter zu Schelling, Hegel und so weiter. Das Freudsche Subjekt hat nichts zu tun mit einer post-hegelianischen Lebensphilosophie, die Fülle des Lebens. Nein, das Freudsche Subjekt ist leer und mechanisch. Es ist nicht der Reichtum des Lebens. Ja, wir wollen ja ein bisschen dieses Universum Slavoj Žižek verstehen. Sie haben jetzt schon mal diese Perlenkette des Cogito, wie sie sich entwickelt, aufgezeigt. Ja, aber wir kommen
langsam zu dem eigentlichen Punkt. Jetzt sind wir bei dieser zentralen Frage der Freiheit, die wir heute einmal von der Seite der Hirnforschung gestellt bekommen. Es stellt sich natürlich dann die Frage, wenn wir das Subjekt positioniert haben, wie steht es um die menschliche Freiheit? Und hier referieren Sie in Ihrem Buch Die politische Suspension des Ethischen Lacan. Lacans Position ist daher die, dass das Ausgesetzt- und Überschwemmtsein, das Gefangensein in einem Spinnengewebe präexistenter Bedingungen einerseits und radikale Autonomie andererseits nicht unvereinbar sind. Aber wie retten Sie jetzt die menschliche Freiheit, wenn andererseits so viel Unbewusstes passiert? Gut, meine erste Antwort ist, und die finden Sie, wenn Sie einschlägig Kant, Fichte, Schelling und Hegel lesen.
Seit Kant haben
wir diese Idee des radikal freien Akts. Kant spricht zum Beispiel in seinem wegweisenden Spätwerk Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft über diesen transzendentalen Akt der Freiheit, mittels dessen Sie schon vor Ihrer Geburt, natürlich nicht vorübergehend, sondern in einem transzendentalen Apriori, Ihren ewigen Charakter frei wählen.
Das ist der höchste freie Akt und er ist unbewusst. Also für Lacan, der dem deutschen Idealismus folgt, ist es nicht so, dass wir denken, wir seien frei, während wir in Wahrheit von Neuronen oder Vorurteilen oder was auch immer
gesteuert werden. Nein, oft ist es im radikalsten Sinn gerade das Gegenteil. Wir denken, dass wir von Bedingungen gelenkt werden, aber wir haben bereits unbewusst diese Bedingungen gewählt. Freiheit ist viel radikaler. Und jetzt zu Ihrer Grundfrage. Ich bedauere, dass
wir nicht mehr Zeit haben. Darüber habe ich viel nachgedacht. Ich glaube, der einzige Weg, um die Frage der
menschlichen Freiheit zu klären, die einzige Möglichkeit, die Idee zu vermeiden, dass wir objektiv nur von Mechanismen gesteuert werden und die Freiheit nur Einbildung sei, ist, wenn wir die Realität als unvollendet, als ontologisch nicht fertig hergestellt auffassen. Was meine ich damit? Ich kann es Ihnen und unseren Zuschauern zugleich auf eine populäre Weise erklären. Mit einer wundervollen Parallele zu Videospielen, die ich in einer billigen Einführung in die Philosophie fand. In Videospielen ist die Realität nicht fertig hergestellt. Wir sehen ein Haus im Hintergrund. Aber das Haus ist im Computerprogramm nicht fertig konstruiert, denn im Spiel ist nicht vorgesehen, dass Sie ins Haus hineingehen. Oder Sie haben nur verschwommene Bäume im Hintergrund, aber Sie können nicht dorthin gehen und
sehen, wie die Bäume sind. Sie sind nur in diesem verschwommenen Zustand. Das Universum ist nicht voll gebaut. Die geniale
Idee ist nun aber: Was, wenn unsere Welt so geschaffen ist und was, wenn es das ist, was die Quantenphysik entdeckt hat mit der Heisenbergschen Unschärferelation?
Nämlich dass unsere Realität selbst
nicht völlig konstituiert ist. Wenn Sie nah genug gehen bis zur Quantenebene, sehen Sie, dass es unscharf wird, dass es nicht klar identifiziert ist. Mit anderen Worten, und nun folgt der hübsche Witz: Es ist, als wäre Gott eine Art Programmierer, der dachte, wir
Menschen wären zu blöd, um die Wirklichkeit bis zum Ende zu untersuchen. Warum sollte er sich also damit abmühen, alles bis auf die subatomare Quantenebene zu programmieren? Da gibt es wirklich Dinge, die nicht voll determiniert sind. Als Materialisten müssen wir uns heute diese Offenheit, diese ontologische Unfertigkeit ohne Gott denken. Die Realität ist nicht fertig eingerichtet. Es ist, als ob es schwarze oder weiße Löcher gäbe, blinde Flecken in der Realität. Und diese Unbestimmtheit der Realität selbst kann vielleicht die Freiheit retten. Jetzt sind wir beim Atheismus, nur hier um auch nochmal Lacan zu zitieren aus demselben Werk: So wäre die einzige zutreffende Formel für den Atheismus nicht Gott ist tot, indem er den Ursprung der Funktion des Vaters auf seine Tötung gründet schützt Freud den Vater. Die einzige zutreffende Formel für den Atheismus wäre, dass
Gott unbewusst ist. Das kann
ich gleich erklären mit einer weiteren netten Geschichte, die viel aussagt über Ideologie heute. Niels Bohr, es geht wieder um Quantenphysik und ich habe das in seiner Biografie gelesen, hat eine wunderbar paradoxe Aussage gemacht. Ein Freund besuchte ihn in seinem primitiven Holzhaus auf dem Land und über seiner Haustür hing ein Hufeisen. Sie wissen, in Europa sagt der Aberglaube, dass dies die bösen Geister davon abhält, ins Haus zu kommen. Der überraschte Freund, ebenfalls ein Wissenschaftler, fragt Niels Bohr: Warum hast du dieses abergläubische Zeug da? Glaubst du
daran? Niels Bohr antwortete: Natürlich nicht, ich bin doch Wissenschaftler. Da fragte sein Freund: Warum hast du es denn? Und wissen Sie, was Niels Bohr zur Antwort gab? Ich habe es da, obschon ich nicht abergläubisch bin, weil ich hörte, dass es wirkt, auch wenn man nicht daran glaubt. So funktioniert das. Das ist Demokratie heute. Wir alle sind Zyniker, niemand glaubt daran, aber wir verhalten uns, als würden wir daran glauben. Das heißt Lacan würde sagen: Gott ist unbewusst in dem Sinn, dass die wichtigen Glaubensinhalte nicht unsere expliziten Glaubensinhalte sind. Wir mögen denken, dass wir nicht glauben, aber durch unsere Handlungen beweisen wir, dass wir glauben. Lacans Idee ist nicht die traditionelle, dass wir behaupten zu glauben, aber privat sind wir Zyniker. Nein. In der heutigen permissiven Gesellschaft erscheinen wir offen und frei von Vorurteilen. Man kann Gruppensex haben und jede Art von Unmoral, aber im Unbewussten glauben wir viel mehr. So ist das Leben und deshalb gilt Lacans These heute mehr denn je. Gott steht hier für radikale Glaubensinhalte. Unser Glaube ist unbewusst, aber
nichtsdestoweniger
funktioniert er. Nun passt die Geschichte dazu, dass Lacan Atheist war, aber sich eigentlich am Schluss ein katholisches Begräbnis gewünscht hätte. Jetzt kommen wir zu einem weiteren sehr interessanten Punkt. Ich glaube nicht, und das wäre eine weitere atheistische Lektion: Ich glaube nicht, dass das, was man sagt, wenn man dem Tod nah ist, eine besondere Authentizität hat. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel. Sie sehen, ich bin wie eine Frau in dem Sinne, dass dieses männlich-chauvinistische Klischee, dass Frauen nicht in abstrakten Begriffen denken können und darum Beispiele brauchen, also ich bin eine Frau, weil ich Beispiele brauche. Sie erinnern sich, es ist eine Tragödie und ich will mich nicht darüber lustig machen, der September. Sie erinnern sich, dass einige Passagiere, als ihnen klar wurde, dass sie sterben würden, einen letzten Anruf an ihre Angehörigen machten. Und die Botschaft war stets dieselbe: Ich werde sterben, aber denk daran, ich liebe dich und so weiter. Ich glaube nicht, dass daran irgendetwas authentisch war. Ich habe sogar, entsetzlich, mit einem Journalisten gesprochen, der einigen dieser Fälle nachging und herausfand, dass ein Mann, der seine Frau anrief und sagte: Ich liebe dich, in Wirklichkeit auf diesem Flug war, um seine Mätresse zu besuchen. Was ich damit meine: Wenn wir dem Tod nah sind, sind wir nicht authentisch. Wir befinden uns in einer totalen Panik. Wir wollen uns selbst retten, unser Bild für die Nachwelt aufpolieren. Das ist die große Lehre aus der Psychoanalyse. Da ist keine Maske und da ist unser Gesicht dahinter. Aber in der Maske ist mehr Wahrheit. Und kleine Kinder wissen
das. Machen Sie das Experiment, wenn Sie ein Kind haben. Ich habe das mit meinem Kind gemacht, es ist ein wenig grausam. Sie nähern sich mit einer Maske. Es fürchtet sich vor der schrecklichen Maske. Sie nehmen die Maske vom Gesicht: Schau, es ist nur dein dummer Vater. Es lacht. Sie setzen die Maske auf und es fürchtet sich wieder, obschon es weiß, dass Sie hinter der Maske stecken. Es hat Recht. Die Wahrheit ist
in der Maske. Das ist eine weitere Bedeutung von Lacans Theorie des dezentrierten Subjekts. Das zeigt ja ein deutliches Menschenbild, dass es komplexer wird, je genauer man hinschaut. Wann konvertieren denn Sie zum Katholizismus? Das tue ich nicht. Ich bin ein christlicher Atheist. Was heißt das? Ich scherze nicht. Mein letztes Buch schrieb ich zusammen mit dem großen britischen anglokatholischen Theologen John Milbank. Eine 400-seitige Debatte unter dem hübschen Titel Die
Monstrosität Christi. Wissen Sie, wie ich das Christentum verstehe? Die Botschaft des Christentums ist: Gott ist tot. Aber was stirbt im Christentum? Hier folge ich Hegel. Es ist nicht so, dass der Sohn stirbt und zurück zum Vater geht. Nein. Hegel sagt, im Christentum stirbt der Gott des Jenseits selbst. Und alles, was übrig bleibt, ist der Heilige Geist. Der Heilige Geist ist wie die Kommunistische Partei. Das sind nur wir, der kollektive Geist. Um also zurück zu diesem Gott ist unbewusst zu gehen: Dieser unbewusste Gott stirbt nur im Christentum. Oder wie mein Lieblingstheologe Gilbert Chesterton sagt: In anderen Kulturen oder atheistischen Kulturen glauben wir nicht an Gott. Nur im Christentum stirbt Gott auch für sich selbst, auch als der Unbewusste. Ich glaube, das Christentum ist die atheistischste Position, die möglich ist. Gott hört auch als der Unbewusste auf zu existieren. Es bleibt nur der Heilige Geist, nämlich wir, das Kollektiv, ohne Gewähr für irgendeine transzendentale Kraft, die alles zum Guten wenden wird. Ich bin ein radikaler Atheist. Sie sagen jetzt christlicher Atheist, aber das funktioniert ja nur, wenn Sie bei dem Tod
Christi stehen bleiben, aber er ist ja noch auferstanden. Wenn
Sie mir diese etwas ironische Bemerkung
erlauben: Für diese
Aussage wären Sie in meiner christlich-stalinistischen Diktatur vielleicht nicht in den Gulag, aber für zwei Jahre ins Umerziehungslager geschickt worden. Warum? Weil ja, was ist Auferstehung? Lesen Sie die Bibel genau. Als Christus zu seinen Jüngern sagt: Wo Liebe zwischen zwei von euch ist, werde ich unter euch sein. Christus steht nicht real als eine andere Person wieder auf. Der kollektive Geist der Menschen, die sich selbst lieben, das ist Christus. Das ist eine gänzlich atheistische Position, behaupte ich. Andersherum, wenn Sie die Auferstehung Christi wörtlich nehmen, reduzieren Sie die Auferstehung wiederum auf diesen langweiligen heidnischen Mythus wie im Märchen: Gott stirbt, Gott steht wieder auf. Es ist nicht dies das Christentum. Der Heilige Geist ist etwas radikal Neues. Das bedeutet: Gott ist wirklich tot, auch als der Unbewusste, und alles was bleibt, ist unser kollektiver Geist. Es liegt an uns, in radikaler Freiheit zu tun, was wir tun können. Es gibt keinen großen Anderen, der uns hilft. Oder wie gewisse Theologen sagten: Die Botschaft des Christentums ist nicht: Wir vertrauen auf Gott, wir tun was wir tun und wir können auf Gott zählen. Nein, Gott vertraut auf uns. Sehr schön. Ich hätte auch gesagt, dass unsere Geschichte nicht nur endlich ist und da sind wir jetzt wieder bei der Philosophie von Hegel, den Sie genannt haben. Also meine Frage ist einfach: Die Philosophie von Hegel
wird ja gerne als die
letzte große Metaphysik verkauft. Es wird gerne gesagt, dass ein Weltgeist sich realisiert im Materiellen. Meine Frage ist einfach: Ihr Interesse für all diese Positionen, die Sie uns genannt haben aus der Geschichte der Philosophie sind ja irgendwo dualistische Philosophien oder haben inhärent einen gewissen Dualismus, also eine Teilung zwischen dem Geistigen, dem Menschlichen. Der
Mensch rennt immer irgendwo dem geistigen Funken in ihm hinterher. Aber nicht bei Hegel. Was Hegel ablehnt, das ist eine sehr präzise Aussage und wir haben leider nicht genügend Zeit, um sie auszubreiten. Ich hoffe, wir beide können unsere Zuschauer wenigstens etwas
anstecken. Ich behaupte, dass das, was Hegel das absolute Wissen nennt, nicht diese dumme Vorstellung: Ich weiß alles, ist. Es ist im Gegenteil eine Art radikale Selbstbegrenzung. Für
Hegel ist
das, wenn Sie wie Sie sagten gespalten sind zwischen unserem endlichen menschlichen Leben und der Suche nach einem anderen unendlichen, noch immer begrenztes endliches Wissen. Wir kommen an die Grenze, wenn wir entdecken, dass dahinter nichts ist. Alles was wir haben, ist unsere Endlichkeit. Was Hegel die wahre Unendlichkeit nennt, ist nichts als die selbstreflektierte Endlichkeit, wenn wir entdecken, dass dahinter nur das Nichts ist. Hier gibt es eine weitere Verbindung zu Freud. Bei Freud ist es beinahe umgekehrt. Man muss Freud sehr vorsichtig lesen. Wenn er vom Todestrieb spricht, so hat das nichts zu tun mit dem Nirvana-Prinzip oder ich will verschwinden, ich will sterben. Wenn Sie Freud genau lesen, so wird klar, dass das, was Freud Todestrieb nennt, seine Bezeichnung für Unsterblichkeit ist. Der Todestrieb bei Freud ist gebunden an den Wiederholungszwang. Todestrieb ist etwas, das sich zwanghaft wiederholt, über den Tod und den Trieb hinaus, auf obszöne Weise. Darum verwende ich oft Figuren wie die
Untoten aus Horrorstreifen, wiederum aus der Populärkultur, Stephen King und so weiter. Das ist der Freudsche Todestrieb, diese lebendigen Toten. Also Sie versuchen diese Lesearten zu ergänzen, oder
das wären dann einseitige Lesearten, wie Sie es jetzt bei Hegel und bei Freud erklärt haben. Und meine Teilung dualistisch würden Sie nicht akzeptieren. Meine Frage ist, warum Sie sich in Ihrem Werk nicht viel mehr bei dem, was Sie suchen, für die nicht-dualistische Tradition interessieren, wie sie zum Beispiel in der Mystik, in den christlichen Traditionen vorkommt, wie sie zum Beispiel in östlichen Traditionen und Philosophien vorkommt. Hier kann ich Ihnen die präzise Fragestellung liefern. Für mich sind die Mystiker, auch wenn sie behaupten nicht-dualistisch zu sein, nicht monistisch im Sinne von nicht-dualistisch, aber monistisch in dem Sinne, dass sie einen letzten Frieden, eine letzte Versöhnung mit dem Absoluten erreichen wollen. Für mich jedoch ist die Lehre des Christentums und Hegels, und wiederum Chestertons, er formuliert das wunderbar: Die Lehre des christlichen Gottes ist nicht Einheit und Versöhnung. Es ist Endlichkeit, Spaltung. Darum sagt Christus, Sie erinnern sich an jene Passagen, die den Interpreten so viel Kopfzerbrechen bereiten, wo er sagt: Ich bringe nicht den Frieden, ich bringe das Schwert, ich bringe das Feuer. Wo er sagt: Wenn du nicht deine Mutter und deinen Vater hassest, bist du nicht mein Jünger. Christus ist eine kämpferische Figur und Hegels Dialektik desgleichen. Ich lehne diese mystische, gnostische oder was auch immer Idee einer höheren Einheit ab. Die letzte Realität ist Antagonismus, Kampf. Kommen wir nochmal zu einem Aspekt Ihrer Persönlichkeit. Sie sind, wenn ich eine Persönlichkeit habe, das ist eine große Diskussion. In Slowenien aufgewachsen. Stimmt es, dass
Ihre Freunde Sie Fidel nennen? Ja, aber zum Scherz. Nicht aus politischen Gründen, sondern weil ich leider, wie Ihre Zuschauer wohl bemerkt haben,
zu viel rede.
Der Bezug ist nicht Fidel Kommunist, sondern Fidel der sagt: Genossen, nur einige Minuten, und dann dauert es sieben Stunden, wenn du Glück hast. Der Vielredner. Es gibt einen schönen Witz über den Sozialismus, den wollen wir uns jetzt doch noch zu Gemüte führen, den Sie hier in Ihrem Buch Die Revolution steht bevor bringen. Es gibt einen alten Witz über den Sozialismus als Synthese der höchsten Errungenschaften der gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte: Von der prähistorischen Gesellschaft übernahm er den Primitivismus, von der Antike die Sklaverei,
von der mittelalterlichen Gesellschaft die brutale Herrschaft, vom Kapitalismus die Ausbeutung und vom Sozialismus den Namen. Haben Sie das so gemeint? Ja, im Grunde schon. Obschon ich mich als radikalen Linken, ja sogar als Kommunisten betrachte, habe ich absolut keine
Nostalgie
für den sogenannten real existierenden Sozialismus. Doch zurück zu diesem Witz. Ich finde ihn wunderbar, denn er illustriert den Augenblick, da der Name als solcher die Realität betritt. Ich verwende diesen
Witz oft, um beispielsweise
den Antisemitismus zu erklären. Er funktioniert genau gleich. Der Antisemitismus, wer oder was auch immer die Juden sind, setzt das jüdische, wie soll ich sagen, Elend, den spekulativen Geist, die Ausbeutung mit dem Großkapital gleich oder die jüdische Obszönität mit dem Perversen und so weiter. Was er von den Juden nimmt, ist im Grunde nur der Name. Es ist dasselbe Paradox. Der Mechanismus, den dieser Witz beschreibt, ist im Grunde der Mechanismus von dem, was Lacan le signifiant maître nennt, den Hauptsignifikanten, einen leeren Signifikanten, der das ganze Feld abdeckt. Doch zurück zu Ihrer politischen Dimension. Ich bin da in einer sehr schwierigen Position. Einerseits bin ich total kritisch, nicht nur im Sinne einer Ablehnung der Erfahrung des real existierenden Sozialismus. Ich denke, dass der sogenannte Stalinismus eine absolute Katastrophe war, die Katastrophe des Jahrhunderts. Auf eine Art noch schlimmer als Faschismus und Nazitum, und er gibt immer noch Rätsel
auf. Das ist mein größter Vorwurf an die Frankfurter Schule, Horkheimer, Adorno und so weiter. Die haben den Stalinismus praktisch ignoriert. Natürlich haben sie ihn abgelehnt, aber sie haben sich so am Faschismus und Antisemitismus festgebissen, dass sie keine Theorie des Stalinismus zustande brachten. Und das geht weiter bis zu Habermas. Wenn Sie Habermas lesen, würden Sie da je merken, dass sein eigenes Land, Deutschland,
zweigeteilt worden wäre? Das ist noch immer ein Rätsel für uns. Andererseits glaube ich noch immer, dass in der Oktoberrevolution ein echter Moment der Größe lag. Ich bin kein Idealist. Ich bin nicht einer jener verrückten Trotzkisten, die meinen, dass wenn Lenin drei Jahre länger gelebt und mit Trotzki einen Pakt
geschlossen hätte, es nicht zum Stalinismus gekommen wäre, sondern zu einer glücklichen
demokratischen Sowjetunion. Nein. Die Situation war ausweglos. Der Stalinismus war unabwendbar. Doch darin liegt die Tragödie. Wie konnte dieser großartige Leninismus, diese ungeheure Explosion von völlig neuem politischen Denken im Stalinismus enden? Es bleibt immer noch eine Aufgabe für uns, das zu verstehen: Was ging wirklich vor sich im Stalinismus? Wir müssen das nochmals radikal überdenken, wenn wir wieder Linke werden wollen. Diese Hausaufgabe ist noch nicht gemacht. Interessant, dass Sie in einem ehemals kommunistischen Land
aufgewachsen
sind und so auf diese historische Situation schauen. Sie haben kandidiert auch als Präsidentschaftskandidat in Slowenien. Das war eine typische jugoslawische Verwechslung. Ich habe nicht als Präsident, sondern fürs kollektive
Präsidium kandidiert und hätte beinahe gewonnen. Es ging um ein Vierergremium. Und was wäre denn Ihr Programm gewesen? Das mag heuchlerisch tönen, was ich jetzt sage, aber in erster Linie wollte ich bewusst sabotieren. Das kann ich beweisen. Ich wollte damals
lediglich meiner Partei helfen. Mein Programm war einfach. Ich hatte keine Illusionen. Wir wussten damals, wo wir standen. Das kommunistische System war am Auseinanderbrechen. Die Gefahr bestand, dass wie in Serbien und auch Kroatien eine starke
populistische Bewegung, Linke oder Rechte, die Oberhand gewinnen würde und eine Art von autoritärem Populismus aufkäme, wie es mit Tuđman in Kroatien und Milošević in Serbien geschah. Anders gesagt, das Ziel von mir und meinen Freunden war, eine Situation zu verhindern, wo wir nur die Wahl gehabt hätten zwischen rechtspopulistischen Nationalisten und Ex-Kommunisten.
Das war mein eigentliches Engagement und wir haben es geschafft. In Slowenien ist wenigstens bis heute der politische Raum ausgeweitet worden. Wir konnten diese Blockierung verhindern. Seit ist Slowenien in der Europäischen Union Mitglied. Sie schreiben in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr Wir müssen uns abspalten vom Europa der historischen Gewohnheiten, einen klaren Schnitt vollziehen, um uns von dem verfallenden Körper des alten Europa abzulösen. Nur so können wir das europäische Erbe erneuern und lebendig erhalten. Was verstehen Sie unter europäischem Erbe? Das Buch, dem ich das entnommen habe, alle meine Zeitungsartikel sind Fragmente aus meinen Büchern, liegt das sehr
deutlich
dar. Dieses emanzipatorische Erbe, das mit der griechischen Demokratie begann, als die Polis, diese unterste Ebene der radikalen Egalitarier, maßgebend wurde als Maß aller Dinge. Diese Idee, dass in der Demokratie nicht einfach jeder an seinem Platz ist, sondern radikal gleichmacherisch. Das begann mit der Demokratie, ging weiter mit dem Christentum in diesem berühmten Pauluswort: keine Juden, keine Griechen, keine Männer, keine Frauen und so weiter. Es geht weiter in der modernen Subjektivität von Descartes bis Hegel, im Kommunismus, wenigstens der Idee nach und so fort. Ich finde, wir brauchen einen Anstoß. Mein
Ruf nach einem neuen Europa ist verzweifelt, aber auch radikal. Um es einfach zu sagen: Wo stehen wir heute? Heute gibt es zwei,
vielleicht drei Kulturmodelle: den angelsächsischen Liberalismus, dann, höflich ausgedrückt, den Kapitalismus mit asiatischen Werten, also den autoritären Kapitalismus und eventuell, vielleicht nicht stark genug, den lateinamerikanischen populistischen Kapitalismus. Offen gesagt: Ich möchte nicht in einer Welt leben, wo dies die einzigen Alternativen sind. Meine wilde Hoffnung ist, es sieht freilich schlecht aus, setze ich auf Europa, weil Europa ist momentan klar in einer Krise. Und zu Europa habe ich mal eine Überschrift gesetzt in Anlehnung an Freuds Was will das Weib? Was will Europa? Das ist nicht klar. Nur eine Wirtschaftsgemeinschaft oder eine starke ideologische Gemeinschaft? Vielleicht entsteht da noch etwas. Was würden Sie denn sonst noch aktivieren aus der Geschichte der europäischen Geistesgeschichte?
Jetzt kommen wir zu dem Punkt, wo man mich verdächtigt, ein heimlicher
Totalitarist oder so etwas zu sein. Genau diese radikal apokalyptische Tendenz, die spezifisch europäisch ist, die Sie in Paulusbriefen finden. Diese Idee, dass das Ende der Zeit nah ist. Wir nähern uns dem Nullpunkt. In gewisser Weise, so behaupte ich, nähern wir uns tatsächlich einem Nullpunkt. Ich bin kein strenger Apokalyptiker, ich sage nicht:
Morgen ist das Ende der Welt. Aber nehmen wir mal die Ökologie. Das ist zwar komplex und morgen ist nicht das Ende der Welt, aber es ist klar, dass wir einem Nullpunkt zustreben und dass
etwas ändern muss. Nehmen wir die Biogenetik. Da ist doch eine ungeheure Entwicklung im Gange. Wir können bereits unser Hirn
direkt mit der äußeren Wirklichkeit in Verbindung setzen. Vom Augenblick an, da wir diesen direkten Kontakt haben, ändert sich die Definition des menschlichen Wesens. Nehmen wir den Kapitalismus: Das Problem des sogenannten geistigen Eigentums. Ein großes Problem. Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus mit dem Problem des geistigen Eigentums zu Rande kommt. Es funktioniert nicht. Schon Bill Gates ist eine atypische Monstrosität. Woher kommt sein Geld? Was er verkauft, ist keine richtige Ware. Er privatisiert einfach einen Teil dessen, was Marx den General Intellect oder das allgemeine gesellschaftliche Wissen nennt, das neutrale öffentliche Medium unserer Kommunikation. Er erzielt also eine Miete nach marxistischem Begriff, keinen Profit. Er ist der größte Vermieter der Welt. Jetzt sind wir wieder bei der Kritik, nicht bei der Lösung. Sie haben mir ein Büchlein Die politische Suspension des Ethischen geschenkt, ich sehe nur Probleme, keine Lösungen. Das ist mein Motto, wenn die Leute fragen: Was ist heute zu tun? Ich antworte: Wir wissen es nicht genau. Ich habe ein
Zitat gefunden bei Ihnen, da heißt es: Heute, da wir von allen Seiten mit den verschiedenen Versionen des Über-Ich Befehls Genieße! bombardiert werden, vom unmittelbaren Sexualgenuss bis zur Freude am beruflichen Erfolg und spirituellem
Erwachen, sollte man sich jedoch auf eine radikalere Ebene begeben. Die Psychoanalyse ist heute der einzige Diskurs, in dem es uns erlaubt ist, nicht zu genießen. Ja, darauf bestehe ich. Wissen Sie warum? Genau gesagt leben wir in einer einmaligen Zeit, da wir, wie Louis Althusser sagt, von Ideologie angesprochen werden. Es gibt nicht mehr diese Art von Standardanruf: Sei ein Christ, sei ein Kommunist, opfere dich auf. Was die Gesellschaft heute von uns fordert, ist eine Art von vage aufgeklärtem Hedonismus. Sei wahrhaft du selbst, sei dir selbst treu, setze deine Potenziale um und so weiter. Immer mit diesem terroristischen Aspekt: Genieße! Wissen Sie, wo ich das wunderbar erlebt habe? Hier in Zürich an der Bahnhofstraße. Ich kaufte eine herrliche, sehr teure Dose Süßigkeiten, sehr dicht verpackt. Man muss sie frisch essen. Und ich musste so lachen, als ich sie aufmachte, weil da stand: Sofort genieß. Bitte sofort genieß. Das ist Ideologie heute. Ich glaube, da ist wirklich etwas Befreiendes in der Psychoanalyse, die nicht mehr die alte Freudsche Psychoanalyse ist. Die Idee bei Freud war: Wir haben unsere sexuellen Wünsche, aber die herrschende Moral unterdrückt uns. Und die Psychoanalyse hilft uns, diese Verhinderungen loszuwerden und voll zu genießen. Nein. Heute kommt die Unterdrückung von der Aufforderung zu genießen, und zwar wirklich. Ich höre es wieder und wieder von Psychoanalytikern: Die Menschen haben ein schlechtes Gewissen nicht, weil sie verbotene Wünsche haben wie früher, wo man sich als Homosexueller schuldig fühlte, sondern weil sie nicht fähig sind zu genießen.
Wollen Sie uns ein geistiges Diätprogramm vorsetzen? Ich würde den Begriff geistiges nicht verwenden, aber Diätprogramm, ja. Ich finde, wir sollten diesen Über-Ich Befehl Genieße!
verweigern. Wir sind nicht
verpflichtet zu
genießen. Wenn Sie jetzt diesen Gedanken auf das politische System übertragen. Wie machen wir denn weiter? Sprechen Sie ja in diesem Band von der politischen Suspension des Ethischen. Nein, ich meine nicht, dass wir jetzt anfangen sollten zu töten. Was ich aber meine ist, dass die heutige Linke gefangen ist in diesem ethisch-legalistischen Denkschema. Vor allem hat die Linke keine wirkliche Alternative, wie man die Dinge neu ordnen könnte. Das war auch die Tragödie dieser ganzen Anti-Globalisierungsbewegung in Porto Alegre und so weiter. Sie sind einfach dagegen. Aber sobald man sie fragt, was denn ihr Programm ist, bekommt man vage Antworten wie mehr Selbstverwaltung und dergleichen. Die Linke beschränkt sich aufs Moralisieren. Wie schrecklich die Menschen hungern. Und dann versuchen sie dies in operative Begriffe zu übersetzen. Wir brauchen neue Gesetze. Es geht um Moralität und Legalität. Und ich denke, daraus sollten wir ausbrechen. Meine neueste Formulierung ist sogar noch stärker: Die theologisch-politische Suspension des Ethischen. Natürlich meine ich nicht Theologie im Sinne von Gott, sondern im Sinne der apokalyptischen Vision. Bleiben Sie bei dieser apokalyptischen Vision oder geben Sie uns noch einen Lichtblick? Ich bin eher
apokalyptisch. Wenn Sie Lichtblick sagen, so meint man gerne: Selbst wenn Sie im Zug in einem Tunnel sind, gibt es immer ein Licht am Ende des Tunnels. Ja, und diese zynische Weisheit habe ich vom sozialistischen Realismus. Wenn Sie ein Licht sehen, ist es wohl ein entgegenkommender Zug. Nein, ich sehe Probleme. Ich sehe aber keine klaren Lösungen, wer was tun wird. Ich denke, das ist meine
Aufgabe als Philosoph. Wenn mich Leute fragen: Was sollen wir tun gegen die Finanzkrise oder für die Ökologie?, dann ist meine Antwort: Ich weiß es nicht. Was ich kann ist, und das finde ich sehr wichtig, die Fragen selbst zu korrigieren. Oft ist die Art und Weise, wie wir ein Problem formulieren, Teil des Problems. Wir reproduzieren das Problem. Zum Beispiel in der Ökologie: Die ganze Mythologie von Mutter Erde, gestörtem Gleichgewicht, zurück zum Gleichgewicht. Das ist diese New Age-Mythologie, die nur hinderlich ist. Desgleichen mit dem Rassismus. Ich lehne die Toleranz ab. Nicht, dass ich für Intoleranz wäre, aber ich lehne die Idee ab, dass Probleme von Rassismus oder Sexismus automatisch in Probleme der Toleranz übersetzt werden können. Nehmen wir Martin Luther King. Er hat nie von Toleranz gesprochen. Wir sprechen heute von Toleranz, da wir in der postpolitischen Ära leben. Ökonomie und öffentliche Verwaltung werden mehr und mehr entpolitisiert. Und die einzigen echten Konflikte, die übrig bleiben, sind mehr oder weniger kulturelle Konflikte, Abtreibung und so weiter. Wir haben das Universum Slavoj Žižek kennengelernt. Es gibt natürlich auch Leute, die das gar nicht so lustig finden, die Sie kritisieren. Ich habe hier eine Besprechung aus der Zeitschrift Orientierung, da heißt es: Aus
unzähligen
Schubladen
zieht er zeitgeschichtliches, kulturhistorisches
und filmografisches Material heran, um es im permanenten Wechsel als jeweilige Deutungsfolie aufeinander zu beziehen. Dies wirkt sich nicht nur völlig
vergleichgültigend auf die jeweilige Eigenart des Herbeigezogenen aus. Der Wirbel des Zitierens und Anspielens setzt eine große Monotonisierung in Gang. Und dies ist nun
wirklich bedenklich. Es führt die isolierte Verwendung des jeweiligen Bezugsmaterials nicht zu schlaglichtartigen Aufhellungen, zu Erkenntnisblitzen, sondern zuweilen schlicht zu verfälschenden und unsinnigen Deutungen. Alles, was ich darauf sagen möchte, wissen Sie, das ist einer der Standardvorwürfe, ist, dass das gleiche oft über Hegel gesagt wird. Es ehrt mich, in dieser Gesellschaft zu sein. Schon unmittelbar nach Erscheinen seiner Phänomenologie des Geistes hieß es: Das ist ein Durcheinander von Beispielen hierhin und dorthin.
Und dem zugrunde liegt der immer
gleiche monotone
Mechanismus von dialektischen Versuchen und so weiter. Hegel
hatte das Kino noch nicht zur Hand. Was ich dieser Person antworten möchte: Wissen Sie, was Hegel eben in seiner Phänomenologie des Geistes sagt? Oft ist das Böse im Auge, welches das Böse wahrnimmt. Damit meine ich: Meine Texte
mögen zwar so
erscheinen, aber ich behaupte, dass ihnen ganz klar eine Reihe von tieferen Problemen zugrunde liegt. Warum springe ich von hier nach dort? Weil ich weder von diesem noch von jenem spreche, sondern von einem grundsätzlichen Problem dahinter. Und offenbar sehen die Leute dieses
Problem nicht. Das
haben wir sicherlich jetzt erlebt, in der Tat gibt es eine andere Bemerkung: Wenn es so etwas wie den Typus des nervösen Intellektuellen gibt, dann ist Žižek seine Inkarnation. Das akzeptiere ich gerne. Was ich wirklich
hasse,
ist diese Weisheit, weise Intellektuelle. Nein. Ich glaube, wir leben in einer potenziell schrecklichen Zeit. Davon bin ich nervös. Es gibt gute Gründe heute, nervös zu sein. Ich glaube nicht, dass wir uns diesen Dalai-Lama-artigen Typus von Weisheit noch leisten können. Das ist der direkte Weg zur Katastrophe. Also da haben Sie auch ein deutliches Feindbild beim Dalai-Lama, aber woher kommt die Atemlosigkeit in Ihrem Denken? Ich weiß nicht,
das ist wohl, ich bin mir da selbst nicht sicher, vielleicht ist es Veranlagung, eine charakterliche Eigenart. Aber was ich hier doch anführen möchte ist, was ich traurig finde in diesen Vorwürfen ist, dass sie alle auf mich als Person zielen, als nervös und zappelig, oder auch auf rein formale Dinge.
Haben Sie bemerkt, in diesen zwei Kritiken, die Sie zitiert haben und ich kann Ihnen noch weitere liefern,
typisch dabei ist, dass keine erwähnt, worüber ich spreche. Da gibt es präzise
Thesen. Lesen Sie Hegel auf diese Art, Kino
funktioniert ideologisch so und so. Es gibt nur
formale
Vorwürfe, die so für mich uninteressant sind. Aber ich bin
solches
gewohnt und noch schlimmeres. Kürzlich wurde ich wörtlich im New Republic, einem amerikanischen liberalen Wochenmagazin angeklagt, ich würde einem neuen Holocaust das Wort reden. Wörtlich. Sie behaupteten meine These sei,
dass man alle Juden umbringen sollte, außer jene, die gegen den Staat
Israel
kritisch sein sollten. Das ist natürlich Unsinn und Lüge. Problematischer für mich ist, wie alle diese Kritiker nicht auf das zielen, was ich tue. Es ist,
als ob ich sie beschreiben würde,
wie sie sich bewegen, und ich fokussiere auf ihr Gehen. Mein Gott,
ich lege eine Theorie dar. Welches ist in einem Satz gesagt Ihr Anliegen, das inhaltliche Anliegen? Hegel mit
Hilfe der Psychoanalyse
zu lesen. Und dabei Freuds zentrale Einsicht zu verwenden, den Todestrieb. Diesen Triebbegriff, der nichts zu tun hat mit einem instinktuellen Biologismus. Und mit Hilfe all dessen das Thema des deutschen Idealismus zu lesen: Die
absolute
Negativität. Das ist mein Anliegen. Ganz herzlichen Dank für dieses
Gespräch. Und ich danke Ihnen. Danke.